Was geschah im Oktober 2013…?

Vollmond in Mbigili – das nutzen die Kinder, um selbstgemachtes Stockbrot überm Lagerfeuer zu rösten.

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Sie können es auch kaum erwarten, bis unser neuestes Gebäude endlich fertig ist: Ein stabiles Baumhaus, an dem unser Freiwilliger Christoph seit Wochen herum sägt.
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Eine große Überraschung: Plötzlich stand Michael vor mir. Vor fünf Jahren haben wir ihn, vierzehnjährig, vom Social Welfare Office zugewiesen bekommen. Er arbeitete in der Goldmine in Mbeya als sogenanntes „Schlangenkind“ – die Kleinen müssen in die engsten Stollen klettern, um Gold zu schürfen, und werden am häufigsten verschüttet. Er hat keine Eltern, wurde zu groß und landete auf der Strasse. Da wurde er aufgegriffen und war schnell ein beliebtes, wenn auch schweigsames Mitglied der Kinderdorf-Familie.  Nach einigen Wochen verschwand er aber wieder spurlos, alles Suchen – sogar in der Mine – war erfolglos. Nun stand er wieder vor mir. Sein Verschwinden begründete er damit, dass er sich für seine drei kleinen Geschwister verantwortlich fühlte. Die sind jetzt gross genug, wohnen bei Verwandten und so beginnt er jetzt, auf unserer Farm zu arbeiten, da er nie eine Schule besuchen konnte.

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Michael 2008                                       Michael 2013

Mama Mosha und Semeni haben begonnen, Workshops in den umliegenden Dörfern anzubieten. Themen sind: Geburtsvorbereitung, Hygiene, Ernährung.

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Ende Oktober wurden neun unserer Kinder getauft. Zusammen mit den Kindern aus Mbigili kamen 34 Kinder mit allen Verwandten und Freunden ins Kinderdorf, da wir das Fest ausrichteten. Es war gut für unser „Standing“ im Dorf, und den Kindern hat es auch Spaß gemacht.

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Bis zum nächsten Monat,

Ingo Lenz und das gesamte Team des Kinderdorfes.

Was geschah im September 2013…?

Ein großer Schritt für vier unserer Kinder: Ihre 7 jährige Grundschulzeit endete mit einer feierlichen Zeugnisübergabe. Gleich am nächsten Tag begannen sie in Iringa mit einem 3monatigem Vorbereitungskurs für die Secondary School. Damit endet auch das Einzige, was sie in ihrem bisherigem Leben als gesetzt empfunden haben: das Leben im Waisenhaus. Zukünftig werden sie auf Internate gehen und nur in den Ferien zurückkehren.

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Zum Abschluss luden wir alle Kinder, die in den vergangenen Jahren am „Safari-Day“ der Stadt Iringa nicht mit in den Ruaha Nationalpark fahren konnten, ein, auf einem umgebauten deutschen Feuerwehrauto dieses Abenteuer zu erleben. 35 Kinder und 7 Mamas rumpelten also in den Park und waren von den Tieren und der Landschaft begeistert. Wer hätte da auch geahnt, dass der Rückweg neun statt vier Stunden dauern sollte, da die Feuerwehr der holprigen Strecke doch nicht ganz so gewachsen war…Ihre erste Begegnung mit der Schönheit der tansanianischen Tierwelt werden die Kinder  aus vielen Gründen  also niemals vergessen.

 

 

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Es kam viel Besuch ins Kinderdorf, ob ein Team der Telefongesellschaft AIRTEL mit Geschenken, eine NGO, die sich mit der Schulung von behinderten Kindern beschäftigt und die ein TV-Team dabeihatte, oder Therapeuten der Tumaini-Universität Iringa, die unseren größeren Kindern nochmal Wissenswertes zum Umgang mit Sexualität vermitteln.

Eine junge finnische Sonderpädagogin hat für die nächsten 3 Monate  ihren Dienst an der Grundschule und im Kinderdorf begonnen und wird sich speziell mit unseren lernschwachen Kindern beschäftigen. Darüber freuen wir uns.

Der Sohn unserer Gründerin Ursula Lettgen, Christoph, besuchte das Kinderdorf, um u.a.einen Gedenkstein für seine Mutter zu enthüllen. Mit Kinderchor und Kerzenschein wurde es eine heitere und stimmungsvolle Würdigung.

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Und dann bekamen wir noch Isaja, 3 Monate jung, dessen Mutter bei seiner Geburt gestorben ist und dessen Oma keine Möglichkeiten hatte, einen Säugling aufzuziehen. Grade noch rechtzeitig- er war nur noch Haut, Knochen- und Augen. Inzwischen hat er schon ordentlich zugenommen.

 

 

 

 

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Um Isaja und den anderen 64 Kindern in den nächsten 15, 20 Jahren ihres Lebens helfen zu können, treten sie bitte unserem Verein „Kinderdorf Tansania e.V.” bei.
Unter dem Menüpunkt ”Helfen – Mitgliedschaft” finden Sie ein Antragsformular

 

Herzliche Grüsse aus Mbigili von Ingo Lenz und dem gesamten Team

Was geschah im August 2013..?

Schichtwechsel: Im August verließ Luisa Teerstegen nach einem überaus erfolgreichen Jahr das Kinderdorf. Vielen Dank, Luisa! Laura Fölsing und Kathrin Garlichs treten jetzt, unter der Obhut  von Christoph Müller, der ein halbes Jahr verlängert hat, ihre Nachfolge an; Kathrin in der Grundschule und Laura im Kinderdorf.

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Christoph und Luisa                                                                    Kathrin

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Im August ist es kalt und windig in Mbigili. Die Farm wirft trotz Wasser aus unserem Brunnen weniger ab, die Felder werden für die Regenzeit vorbereitet. 2 Kälber wurden geboren, jetzt haben wir fast schon einige Bullen zuviel und können verkaufen. Dies ist wieder ein kleiner Schritt weiter zur Eigenversorgung des Kinderdorfes.

 

 

 

Wir haben ein neues, 8 Monate altes Mädchen bekommen, deren Mutter bei der Geburt verstarb; sie heißt Consulata.

consuBei der Arbeit im Home Based Care Projekt erreichen uns immer mehr unglaubliche Fälle von Vernachlässigung. Kinder, die von ihrer Mutter allein zurückgelassen werden, da sie einen Neuanfang in der Stadt wagen will; Kinder, die isoliert werden, da sie behindert sind…

Seit April ist ein Auto auf dem Weg zu uns, seit Juni liegt es im Hafen von Dar es Salaam. Heute, 3 Monate später, ist es immer noch nicht durch den Zoll. Ein gutes Beispiel für die totale Ineffektivität staatlicher Stellen in Tansania. Hoffentlich kommt der nächste Container mit Hilfsgütern schneller ans Ziel.

Eine Patin unserer Kinder hat uns besucht, nun schon zum dritten Mal. Ihr Fazit: „Es ist ganz anders als in den Jahren zuvor. Es ist so still geworden…alle Kinder sind entweder weg oder beschäftigt“.

Stimmt. Der Tagesablauf der Kinder ist inzwischen streng gegliedert. Von 8 bis 16 Uhr haben sie Schule, von 17-18 Uhr Nachhilfe, von 20 bis 21 Uhr wechselnde Aktivitäten wie Computerschule, Musikunterricht oder anderes. Am Samstag  kommen Nachhilfelehrer von 10 bis 13 Uhr, nachmittags werden die Kinder, die während der Woche Punkte im pädagogischen Belohnungssystem gesammelt haben, mit einer gemeinsamen Aktivität wie Ausflug, Pizzabacken o.ä. belohnt. Abends gibt es einen Film auf dem Computer zu sehen. Sonntags ist von 9 bis 12 Uhr Kirche, 14 bis 17 Uhr Nachhilfe, danach Spielen. Zwischendurch müssen sie in den Häusern helfen, zum Karateunterricht, ihre eigenen Felder bestellen, zur Berufsfindung verschiedene Projekte besuchen und, und, und.

 

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Es sieht alles so leicht aus, ist es aber nicht. Immer müssen wir auch versuchen, Zeit für Zuwendung und zum Spielen zu finden.

Im Moment bereiten sich die Kinder der Klasse 4 und 7 auf große Prüfungen vor, die darüber entscheiden, ob sie im Schulsystem weiterkommen oder nicht. Danach haben sie sich mehr Freizeit in den Ferien wirklich verdient.

Auch die Mamas und Helfer, Farmarbeiter und das Management arbeiten hart dafür, dass das Leben  der rund 100 Personen im Kinderdorf mehr oder weniger reibungslos, trotzdem aber auch kindgerecht und liebevoll läuft. Das wäre alles ohne Ihre Hilfe nicht möglich. Darum an dieser Stelle nochmals Danke schön, und bleiben Sie unserem Projekt treu.

 

Ingo Lenz und das gesamte Team des Kinderdorfs Mbigili.

Vor den Winterferien haben die Kinder noch zahlreiche Aktivitäten erlebt und mitgestaltet: Ein Fussballturnier, ein Besuch des Projekttages der International School Iringa, ein Besuch einer Gruppe Amerikaner im Kinderdorf, die Schüler in afrikanischen Ländern unterstützen, die Verabschiedung unserer Pädagogin Beate Mundt nach 2 Jahren sowie zum Abschluss des Schuljahres ein Sportfest, organisiert von unserem Freiwilligen Christoph, an der Grundschule mit anschließender Urkundenverteilung! Unser kleiner Meshak räumte alleine drei Stück in den Diziplinen 100 Meter Lauf, Weitsprung und Fussball ab!

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Die Felder, die unsere Kinder selbständig im Rahmen der Kids-Clubs bestellen, sind erntereif, und so haben alle sehr stolz ihr erstes selbstgezogenes Gemüse (Kohl und Salat) im Bewusstsein gegessen, zum Unterhalt des Kinderdorfes beizutragen.

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Der Anbau für die männlichen Angestellten ist fertiggestellt und bezogen.

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Insgesamt war es ein ruhiger, friedlicher Monat im Kinderdorf, bis auf den Abend, an dem die Kinder im Dunkeln „Blinde Kuh“ spielten, und Grayson fast auf eine 1,20 m lange Kobra getreten wäre. Hätte eine unserer Katzen nicht so komisch gefaucht und Mama Semeni nicht in die gleiche Richtung geblickt und geschrien, wäre Grayson nicht irritiert stehengeblieben, dann…wäre es ernst geworden.
Die großen Ferien haben mit dem fast schon traditionellen Besuch von Musiklehrer Hassan begonnen, der mit unseren Kindern in nur sieben Tagen einen sehr kompliziert aussehenden Tanz einstudierte, Keyboard und Gitarre lehrte sowie ihnen beibrachte, selber Trommeln zu bauen. Diesen Tanz haben sie dann an dem erstmalig stattfindenden Verwandten-Besuchstag aufgeführt- fast alle Restfamilien der Kinder waren gekommen, um sich unser Projekt anzusehen und Fragen zu stellen. Es war für beide Seiten lehrreich, und die Kinder waren stolz, ihren Verwandten das Dorf zeigen zu können. Danach sind die meisten von ihnen für die nächsten drei Wochen mit zu ihren Familien gegangen.

 

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Eine gute Gelegenheit für die Hausmamas, jetzt Urlaub zu nehmen. Mama Happy freut sich schon.

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Bleiben sie bitte unserem Kinderdorf gewogen. Wir haben einen guten Standard erreicht und müssen jetzt dran arbeiten, ihn über die nächsten Jahre zu halten. Unser Spendenkonto lautet:

Volksbank an der Niers

Kinderdorf Mbigili Tansania e.V.

Konto: 3330333030

BLZ: 32061384

Herzliche Grüße von

Ingo Lenz und dem gesamten Team

Danke!

Schaephuysen im Juni 2013

Liebe Beate,

 

zwei Jahre Arbeit im Kinderdorf Mbigili gehen zuende.

Vieles hast Du bewirkt für die Kinder und bei den Kindern in unserem Kinderdorf in Tansania.

Aufmerksam hast Du die Entwicklung jedes einzelnen von ihnen beobachtet und dokumentiert.

Das ist später für die Kinder wichtig, aber natürlich müssen wir in Deutschland auch auf dem Laufenden sein, um entsprechende Kurse oder Workshops anzuregen oder weitere Fachberatung einzuholen.

 

Deine Unterstützung der Hausmamas im Alltag bei der Fortführung der von uns eingeführten

gewaltfreien Pädagogik und des Tokensystems war uns sehr wertvoll und wichtig, da die gewaltfreie Erziehung für die Mamas und ganz Tansania ein neues Gebiet ist, auf dem noch intensive Arbeit und vor allem Ausdauer gefragt ist.

Dies war insbesondere noch erschwert dadurch, dass Du die leitende Matron während deren Weiterbildung vertreten hast.

Zusätzlich hast Du die Freiwilligen angeleitet und begleitet.

Ob Routinearztbesuche mit den Kindern, Abklärung von pädagogischen und psychologischen Beobachtungen und Problemen von weiteren kompetenten Fachleuten, Gespräche mit den Lehrern der verschiedenen Schulen, dies alles hast Du zum Wohle unserer Kinder engagiert erledigt.

Wir wissen das sehr zu schätzen, da alle Aktivitäten diesbezüglich vom ländlich gelegenen Mbigili aus sehr zeit- und kraftaufwändig sind.

Viele neue bedeutende Kontakte sind durch Dich entstanden, mit der Dorfschule, den weiterführenden Schulen, der International School, der Universität in Iringa, den zuständigen Behörden, um nur einige zu nennen.

 

Du hast die Arbeit und Weiterentwicklung im Kinderdorf Mbigili in den letzten beiden Jahren wesentlich im Sinne der Pateneltern, der Förderer und auch in unserem Sinne mit geprägt.

 

Dafür danken wir Dir sehr!!

Für Deine Zukunft wünschen wir Dir alles Liebe und Gute.

Wir freuen uns, wenn Du in naher Zukunft zu uns nach Schaephuysen kommst und aus Deiner Sicht über das Kinderdorf Mbigili berichtest.

 

Der Freundeskreis des Kinderdorfes Mbigili

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Was geschah im Mai 2013..?

Jonny* ist mit seinen Geschwistern teil unseres Home Based Care Programms, das hilfbedürftige Kinder in Mbigili mit Sachspenden unterstützt, wie z.B. Schuluniformen, Mais, Öl, Salz, Öl, Seife, Matratze.

Die Morgendämmerung weckt Jonny,10, aus unruhigem Schlaf. Diese Juninacht in Tansanias Hochland war wieder sehr kalt. Er versucht sich vorsichtig aus der Umarmung seiner 4 Geschwister, die mit ihm auf dem harten Boden der Lehmhütte zusammengerollt liegen, zu lösen. Ein Paar Kangas, Tücher, als Deckenersatz, helfen in diesen Winternächten nicht, die Schlafenden warm zu halten. Er zittert, trotzdem kann er sich mit Blick auf  Athanas, 4, Georgina,7, Mauricio, 2, und Paolo, 3, ein Lächeln nicht verkneifen. Jonny liebt seine Geschwister. Inzwischen ist er auch stolz, Hauptverantwortlicher seiner Familie zu sein.  Anfangs war es schwer zu begreifen, dass Väter – jedes seiner Geschwister hat einen anderen Erzeuger – nie lange bei ihnen blieben, und dass sich seine Mutter, mit ihren 28 Jahren zu jung fühlt, um die Familienverantwortung zu übernehmen. Seit sie ihren neuen Freund hat, schläft sie nicht mehr oft zuhause.

 

 

von links: Mauricio, Georgina, Athanas, Mama Jonny, Paolo, Jonny *

Es muss jetzt gegen halb sechs Uhr morgens sein; Jonny muss sich beeilen, um seine Aufgaben vor dem Weg in die Schule zu erledigen. Zuerst entzündet er im vorderen Bereich der Hütte Feuer, um Uji (Hirsebrei) zu kochen. Ein paar Handvoll Hirse findet sich noch auf dem Tisch, neben 2 Hockern die einzigen Möbel, die sie besitzen. Grade geht die Sonne auf. In Mbigili wird der Tagesablauf vom Sonnenlicht  bestimmt, niemand im Dorf hat Elektrizität. Jonny geht hinaus, um Wasser vom Brunnen zu holen. Sein zerlöchertes T-Shirt schlackert um seinen mageren Körper, trotzdem trägt er den vollen Eimer die 500 Meter zurück auf seinem Kopf . Seine Geschwister warten schon ungeduldig auf ihn. Jonny muss sich beeilen, das Wasser zu erhitzen und den Hirsebrei zu kochen, denn um 7 Uhr muss er sich auf den Weg in die 2 Kilometer entfernte, staatliche Grundschule machen. Glücklicherweise kann Georgina ihm schon helfen. Er füllt Uji in leere Tassen und pflückt grosse Blätter vom Baum, die als Löffel dienen.

Besorgt beobachtet er Athanas, dessen Husten schlimmer geworden ist. Inzwischen ist die Hütte von dichtem Qualm  gefüllt, das Feuer wird den ganzen Tag brennen. Während er in der Schule ist, sind die Kleinen tagsüber auf sich allein gestellt. Jeden Morgen tut es ihm weh, sie weinend in der Hütte zurückzulassen. Er kann das Gefühl in seinem Inneren nicht benennen, aber da er permanent die Situation seiner Familie mit der seiner Schulfreunde vergleicht, schwant ihm, dass es damit zu tun hat, dass andere Familien zwar auch nichts haben, aber immerhin einen Vater, eine Mutter, oder Großeltern, die sich um sie kümmern. Jonny kennt das nicht. Die Verantwortung für seine Geschwister und seine Mutter liegt allein bei ihm.

Vielleicht schaut seine Mutter  später vorbei, aber da sie gestern nachmittag wieder das wenige Geld, was sie als Tagelöhnerin verdient, für Pombe, selbstgebrautes Bier aus Mais, ausgab, wird sie heute wohl niht mehr auftauchen. So wie Jonny geht es unzähligen Kindern in den ländlichen Gebieten Tansanias. Die Eltern sind entweder tot oder früh betrunken, Arbeit gibt es kaum. Wenn sie Glück haben, stehen um die Lehmhütten einige Maisstauden, sodass die Familie Ugali , Maisbrei, kochen kann. Ugali sättigt, hat aber keine Nährstoffe. Vielleicht haben manche Familien einige Hühner, mit grossem Glück Ziegen. Geld kann man hier nur verdienen, wenn man wie seine Mutter in der Erntezeit für 1,50 Euro pro Tag acht Stunden auf den großen Feldern arbeitet, die in der Regel dem Staat gehören, und von deren Ernte sie nichts abbekommt, da alles in die Nachbarländer exportiert wird.

Auf dem Weg zur Schule muss Jonny sich von den Lastwagen und Überlandbussen in acht nehmen, die mit 100 km/h durch das Dorf donnern. Seit die Straße mit Mitteln der EU verbreitert und erneuert wurde, hat der Verkehr zugenommen. Endlose Karawanen von LKWs transportieren Tropenholz Richtung Küste und Chinawaren ins Innere des Kontinents, verbindet der Dar-Sambia Highway doch als einzig durchgehende Straße Tansanias  den Hafen Dar es Salaams mit Malawi, Sambia und Simbabwe. Die Zahl derer, die angetrunken auf der Straße laufen und überfahren werden, steigt monatlich und wird in keiner Statistik erfasst, da die Laster und Busse einfach weiterfahren.

Als Jonny in seiner Schule ankommt, zwängt er sich mit 80 anderen Kindern hinter die Holzbänke. Für alle Kinder  der ersten Klasse gibt es drei Bücher, und wieder einmal kommt der Lehrer nicht. Gerade in den abgelegenen Landesteilen sind keine oder nur schlecht ausgebildete Lehrer zu finden, die selber kaum Englisch oder Mathe können. Abgesehen davon, dass sie in der Regel ihr Gehalt nicht bekommen.

Leider kommt es sowieso nicht drauf an, ob Jonny den Schulstoff versteht. Nur auswendig lernen muss er ihn, wenn nicht, wird er vor der Klasse mit dem Rohrstock verprügelt. Er ist es schon gewohnt. Erziehung in Tansania bedeutet: Prügel. In jeder Familie, in jeder staatlichen Schule wird Gehorsam mit dem Rohrstock herbeigezwungen. Jonny beneidet die Kinder, die in die privaten Schulen gehen, in denen nicht geschlagen wird, in denen die Ausstattung gut ist und die Schulsprache Englisch ist. Aber seine Mutter könnte nie die Gebühren für eine solche Schule bezahlen.

Nach zweistündigem Warten kommt der nächste Lehrer. Er ist 19 Jahre alt und kommt grade vom College, in dem er zwei Jahre ausgebildet wurde. Vorher war er Erntehelfer bei einer NGO, die diese Ausbildung bezahlt hat.  Keiner war überraschter als er selbst, daß er Lehrer werden konnte- ein angesehener Beruf in Tansania. Seine Großmutter ist sehr stolz auf ihn. Da er oft den Unterrichtsstoff selber nicht versteht, spielt er mit den Kindern lieber Fußball. So schleppt sich der Tag bis 16 Uhr. Schulessen, das immer zum Beginn des Jahres bezahlt werden muss, gab es heute wieder nicht. Jonnys Magen knurrt. Auf dem Heimweg geht er in Gedanken die Aufgaben durch, die noch auf ihn warten. Zuerst muss er seine Schuluniform waschen, der rote Staub der Erde hat sich in dem ehemals weißen Hemd eingefressen.  Dann muss er Feuerholz hacken. Gestern hat er sich mit der Rasierklinge, die er auf dem Weg gefunden hat und die er gern benutzte, um seine Fingernägel zu kürzen, tief geschnitten. Seine Hand schmerzt. Nach zwei Stunden hat er die nötigsten Arbeiten erledigt und wie immer dabei versucht, seine Geschwister mit einzubeziehen. Besonders Athanas weicht nie von seiner Seite. Jetzt will er versuchen, seine Mutter zu finden. Meist ist sie um diese Zeit in einer der Hütten verschwunden, in denen zu dieser Jahreszeit die Pombeproduktion auf Hochtouren läuft. Rätselhafterweise hat jede Familie im Dorf Geld dafür- und für Handys. Fürs Essen bleibt dann kaum noch etwas übrig.

Seit der Vater ihres Letztgeborenen sie verlassen hat, ist der Alltag von seiner Mutter noch unsteter als zuvor. Pläne für ein Morgen gibt es nicht, es muss nur der jeweilige Tag überstanden werden. Ihre 5 Kinder betrachtet sie als Bürde, es ist nicht leicht, so einen neuen Mann zu finden. In der Regel verlangt der neue Mann, die Kinder eines anderen Erzeugers zu verlassen und schwängert die Frau umgehend, um sein Revier zu markieren. Viele Kinder, die alleine wohnen, werden nur durch die Hilfe von Verwandten am Leben gehalten, meist den Großeltern. Durch die vielen Trucker wird HIV wie ein Buschbrand in dieser Gegend verbreitet, die Folge ist, dass nahezu alle Bewohner zwischen 20 und 40 tot sind. Die HIV-Rate liegt hier bei 18 Prozent. Die Einzigen, die übrigbleiben, sind Großeltern und Kinder. Für diese Hilfe der Restfamilie, die die zusätzlichen hungrigen Mäuler ablehnen, da sie AIDS als schlechtes Omen betrachten und für ihr Unglück dann die anverwandten Kinder verantwortlich machen, müssen die Waisen dann täglich mitarbeiten, sei es auf dem Feld oder in der Betreuung der Jüngeren.

Erstgeborene Jungs wie Jonny haben Glück; wenn überhaupt Geld für den Schulbesuch da ist, wird immer der Junge ausgewählt. Mädchen wie Georgina erlernen früh das harte Leben ihrer Mütter und Großmütter. Die Kindheit ist hier in dem Moment vorbei, in dem die Mutter ein neues Baby auf die Welt bringt. Jede Geburt hier geht ohne Hebamme, in der Hütte, vonstatten. Daher sterben viele Frauen bei der Geburt. Haben sie HIV, wird das Virus meistens aufgrund fehlenden Wissens beim Abnabeln an das Kind weitergegeben.

Athanas hustet. Wie alle seine Geschwister leidet er an entzündeten Augen durch den Dauerqualm in der Hütte. Jonny kennt glücklicherweise die Wirkung der Blätter des Moringabaums, der überall wächst. Ein paar Samen, zerstoßene Blätter oder ein Stück Rinde werden ihn schon wieder auf die Beine bringen. Seit vor einem Jahr der letzte Health Officer Mbigilis das Weite suchte, müssen die Patienten ins nächstgelegene Krankenhaus nach Iringa fahren. Die 30 Kilometer lange Fahrt im Sammeltaxi kostet 50 Cent. Jonny war noch nie in Iringa.

Mit Athanas an der Hand geht Jonny zur nächstgelegenen Pombe-Verkaufshütte. Hier ist Mama Jonny nicht.  Da zur Erntezeit diese Hütten wie Pilze aus dem Boden schießen, klappern sie einige ab, bis der Kleine zu quengeln anfängt. Jonny beugt sich herab, um ihm die Nase mit einem Zipfel seines T-Shirts zu putzen. Er ist stolz auf seine Geschwister. Er ist wie ein guter Vater.

Die Hütte von Mamas neuem Freund ist nur noch wenige Schritte entfernt. Als sie vor der Öffnung in der Wand stehen- eine Tür gibt es nicht- hört er seine Mutter lachen. Es kommt aus dem hinteren Zimmer. Jonny dreht sich um und geht wieder zurück. In dieser Stimmung wäre es ein Fehler, seine Mutter zu stören. Sein Magen knurrt lauter. Aber Abendessen muss heute ausfallen, es ist kein Mais übrig, um sich Ugali zu kochen. Er schließt die Augen und sehnt den Sonntag herbei. Dann kann er mit Athanas in die Kirche gehen und seine Sonntagszeug anziehen. Über einer Leine unter dem Strohdach hängt seine weiße Hose und das rosa Oberhemd. Viel zu groß, aber mit Gürtel geht es. Der dreistündige  Gottesdienst ist der Höhepunkt seiner Woche, der einzige Tag, an dem er sich nicht schämen muss, ohne Schuhe und in kaputter Kleidung umherzulaufen. Alle Bewohner Mbigilis sind dann fein gekleidet und kommen schon Stunden vor der Predigt an der Kirche zusammen, um unbelastet von Arbeit und Sorgen miteinander zu tratschen und die neusten Geschichten derer zu hören, die von weiten Reisen, zum Beispiel aus Iringa, zurückkommen. Das einzige, was für die Bewohner dieser Gegend mehr oder weniger umsonst ist und als Unterhaltung bezeichnet werden kann, sind Alkoholn und Sex. In dieser Kombination eine lebensgefährliche Mischung.

Jonny seufzt. Still geht er zur Hütte zurück und denkt darüber nach, wie er  seine Geschwister bis zum Einschlafen  beschäftigen könnte.  Mauricio sitzt vor der Hütte und weint. Johnny gibt ihm einige Kronkorken, die er gesammelt hat, um ihn abzulenken.  Die Sonne geht, wie jeden Abend, um sechs Uhr unter, dann haben sie bis zur vollständigen Dunkelheit noch 20 Minuten. Um sieben schlafen die Kleinen, und Jonny hat Zeit, im Licht des Feuers seine Hausaufgaben zu machen oder seinen Gedanken nachzuhängen. Zu viel Träume darf er sich aber nicht erlauben, denn er weiß: Der neue Tag wird genauso wie der alte.

Helfen Sie Jonny und seinen Geschwistern sowie unseren anderen HBC-Familien! Unser neues Vereinskonto lautet:

Kinderdorf Mbigili, Kto-Nr. 333 0 333 0 30, BLZ 320 613 84, Volksbank an der Niers

Herzlichen Dank,

Ingo Lenz und das gesamte Team

 

*Namen wurden zum Schutz der Kinder geändert.