Im Juni 2024 ging es wieder für 14 Kinder des Kinderdorfes auf einen zweitägigen Ausflug zur Baumfarm von Ajery Kahise. Wie auch im vergangenen Jahr durften wir Freiwilligen ebenfalls dabei sein und die Berge Kilolos erleben. Von dem Ferienausflug 2023 hatte eine unserer Vorgängerinnen Lotta damals ausführlich berichtet, dieses Jahr berichten wir euch gerne wieder von diesem Ausflug – aber diesmal aus einer anderen Perspektive. Nämlich aus der Perspektive von Ajery Kahise, einem ehemaligem Kinderdorf Kind, das nun nach einer schwierigen Kindheit sich ein sicheres und gutes Leben aufgebaut hat. Ich habe ihn nach dem Campingausflug getroffen und mir seine Lebensgeschichte erzählen lassen. Diese möchte ich euch nun erzählen.
Seine Baumfarm liegt im Hochland Kilolos , sehr versteckt und abgelegen in der immergrünen Natur. Von Iringa aus fährt man mit dem Auto gut 2,5 Stunden durch den Ort Ng’ang’ange, wo Ajery zur Schule ging. Er nennt diesen Ort seine Heimat, auch wenn sein Elternhaus weiter entfernt auf einem Berg lag und er täglich 15 km hin und zurück zu Fuß zurücklegen musste, um in Ng’ang’ange die Primary School besuchen zu können. Sein Vater verstarb als Ajery 7 Jahre alt war und seine Mutter bliebt mit ihm und seinen Geschwistern zurück. Wir passierten auf dem Weg zur Baumfarm den Ort seines Elternhauses, welches es mittlerweile nicht mehr gibt, aber damals von Feldern für die Landwirtschaft umgeben sein musste. Nach den ersten sieben Jahren an der Primary School, die in Tansania kostenlos ist, drängte die brennende Frage wie es nun weitergehen würde für den 15 Jährigen Ajery. Für seine alleinstehende Mutter war es nicht möglich, das Schulgeld für die Secondary School zu bezahlen, an der er einen Abschluss machen und damit ein Studium beginnen könnte. Ajery erzählte mir, dass er beginnen musste für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und suchte nach Arbeit. Diese fand er bei einem Amerikaner, der nahe Kilolo eine Farm mit Schafen, Kühen hielt und Gemüsefelder bewirtschaftete. Er konnte bei ihm wohnen und arbeitete als Kuh-Junge, so erzählte es Ajery. „Ich bat ihn, mich nicht zu bezahlen, sondern das Geld zu sparen und mir nach einem Jahr Arbeit ein Jahr Schule zu finanzieren“. „The American guy“ so nannte Ajery ihn, nahm ihn 2002 gerne auf und nach dem Jahr ermöglichte er tatsächlich Ajery den Besuch der Secondary School. Im den Juniferien 2003 kehrte Ajery zur Farm zurück und fand den Amerikaner mit einer Wirbelsäulenverletzung vor. Dieser plante zurück in die USA zu gehen für eine bessere gesundheitliche Versorgung. In diesen Juniferien besuchte Ursula Lettgen, die zu dieser Zeit das Kinderdorf in Kilolo aufbaute, den Amerikaner, mit dem sie wohl befreundet war. Sie kannte seinen Gesundheitszustand und fragte ihn, wer sich dann um den Jungen kümmern sollte, wenn er nach Amerika zurück geht. Da der Geldtransfer aus den USA nach Tansania für das Schulgeld von Ajery nicht einfach war, bot sie an, den jungen Ajery in ihr Kinderdorf in Kilolo aufzunehmen. So lebte Ajery die nächsten sieben Jahre mit Mama Ursula erst in Kilolo, dann nach dem Wechsel nach Mbigili in dem neuen Kinderdorf. Er konnte zur Schule gehen, diese auch erfolgreich abschließen und half ihr in der freien Zeit beim Erbau des neuen Kinderdorfes. Zum Ende seiner Schulzeit zog er in das Wohnhaus von Ursula nach Iringa, und erlebte sie auch während es ihr gesundheitlich immer schlechter ging, sie mehr und mehr Gedächtnislücken hatte und schließlich vollständig nach Deutschland zurückkehren musste. Ursula Lettgen verstarb im September 2010. Als ich ihn fragte, als was für einen Menschen er sie in Erinnerung behält, wurde sein Blick nachdenkliche und sehr bedacht sagte er: „Sie war eine sehr fürsorgliche und empathische Frau. Wenn Mama Ursula ein Problem erkannte, sah sie es nicht nur sondern sie fühlte es, als ob es ihr eigenes war. Dass kann ich dir zu ihr erzählen, sie war eine gute Frau.“
In dem Haus in Iringa arbeitete er weiter als Gärtner und Wachmann, kümmerte sich um die Hunde und durfte dafür dort wohnen. Nachdem sein Studienplan Lehrer zu werden scheiterte begann er 2011 ein Studium im Bereich der Sozialen Arbeit. Der Studiengang, in dem er auch 2016 seinen Bachelor absolvierte, nennt sich „Community Developement“ und bis heute arbeitet er in einer NGO, welche im Community development, zu Deutsch Gemeinschaftsentwicklung aktiv ist.
Für sein Studium bekam Ajery einen Laptop gestellt vom Kinderdorf und nannte ihn seine „Einkommensquelle“. Er bot seinen Freunden und Kommilitonen an für sie bestimmte Computerarbeit zu übernehmen, übersetzte Text oder druckte Dokumente aus, und nahm dafür etwas Geld. So bekam er über die Zeit etwas Geld zusammen und überlegte sich, wie er das Geld gut nutzen könnte. Er kaufte sich, auch aus großem Interesse an der Natur, eine Waldgrundstück nahe seiner Heimat Ng’ang’ange. „Ich dachte mir, wenn ich mal kein Geld mehr habe, holze ich den Wald ab und verkaufe das gewonnene Holz.“ Bis zu seinem Studienende hatte er schon 40 acre Fläche gekauft und es folgten viele weiter. Mittlerweile gehören ihm knapp 100 acre (ca. 40 ha) mit Fichtenwäldern, Bananenstauden, Mischwäldern und ausreichend Flächen für Gemüseanbau. Er probiert sich dort nun aus, pflanzt Gemüse an, hält seit kurzem Bienen und baut gerade einen Fischteich. Mit ihm arbeiten dort vier junge Männer und zwei Studenten, denen er Fläche gegeben hat, um ihr eigenes Gemüse anzubauen.
Die Idee die Kinder des Kinderdorfes dort mit hinzunehmen, entstand während eines Boardmeetings. Alberto, ebenfalls ehemaliges Kinderdorfkind, fragte in die Runde: „Wie gestalten wir die Zukunft unserer Kinder? Wie können wir ihnen die Welt dort draußen zeigen?” Ajery erzählte von seinem Projekt, schlug vor, Campingequipment zu besorgen und mit den Kindern und Jugendlichen Bäume pflanzen könnte. Er würden ihnen zeigen, wie er das alles aufgebaut hat. Nun sind das zweite Jahr in Folge Kinder auf seiner Baumfarm gewesen, haben viel über den Wald und seine Baumarten gelernt und wurden dabei von ihm ermutigt, ihre Zukunft selber in die Hand zu nehmen.
Ich habe Ajery als einen sehr leidenschaftlichen, offenen und treuen Menschen wahrgenommen, der durch seine Geschichte sich verbunden fühlt zu den Kindern aus dem Kinderdorf und ihnen seine Erfahrungen mitgeben wollte. Er konnte mir in aller Detailliertheit seinen Lebensweg erzählen, wusste jedes Jahr und den Monat zu den wichtigen Ereignissen. Als wäre er sich sehr bewusst, dass er für die schwierigen Verhältnisse, in die er hinein geboren ist, eine große Chance bekommen hat einen anderen Lebensweg als viele seiner Nachbarn aus seinem Dorf einzuschlagen. Diese Chance, hat er gewusst zu nutzen und hat dies den Kindern ebenfalls ans Herz gelegt. Lasst euer Leben nicht einfach so passieren, nehmt es in die Hand und formt euch eine gute Zukunft! Dieses Gefühlt von Dankbarkeit und Stolz konnte ich aus unserem Gespräch mitnehmen. Er lebt nun mit seiner Frau und einer zweijährigen Tochter in Iringa und ist dem Kinderdorf mit seiner Präsenz und Mitarbeit immer treu geblieben.
Mich hat Ajerys Geschichte sehr bewegt und hoffe, dass es mir gelungen ist dies auszurücken. Die Kinder des Kinderdorfes haben oft schlimme Dinge in ihrem Leben erleben müssen und bekommen durch das AOHM eine gute Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Jedes Kind hat eine solche Chance verdient und ich wünsche mir für das Kinderdorf, den Verein, für Sie als Spender*innen und Unterstützer*innen und natürlich für unsere Kinder, dass noch viele weitere solche Erfolgsgeschichten erzählt werden können.
Viele liebe Grüße aus Mbigili, Tansania. Karla L.